Dilatative Kardiomyopathie beim Dobermann
Eine besonders wichtige Herzerkrankung dieser Rasse
Die Dobermann-Kardiomyopathie ist eine spezielle Form der dilatativen Kardiomyopathie (DCM), die beim Dobermann sehr häufig vorkommt. Charakteristisch ist, dass die Erkrankung zunächst über längere Zeit okkult verlaufen kann.
In dieser Phase zeigen viele Hunde noch keine sichtbaren Symptome, entwickeln aber bereits ventrikuläre Rhythmusstörungen. Gerade deshalb ist die Früherkennung bei dieser Rasse besonders wichtig.
Wenn Sie Informationen zu unserer wissenschaftlichen Arbeit und zur Teilnahme an unserer Langzeituntersuchung suchen, finden Sie diese hier: Dobermann-Kardiomyopathie-Projekt der LMU.
Warum ist die Dobermann-Kardiomyopathie so gefährlich?
Viele betroffene Hunde zeigen zunächst keine Symptome, haben aber bereits ein erhöhtes Risiko für gefährliche Herzrhythmusstörungen und plötzlichen Herztod.
Typisch ist ein Krankheitsverlauf mit einer okkulten Phase, in der vor allem ventrikuläre Extrasystolen und andere Rhythmusstörungen auftreten. Erst später entwickelt sich bei vielen Hunden eine Pumpschwäche des linken Herzens mit Herzvergrößerung und Herzinsuffizienz.
Krankheitsverlauf
In den meisten Fällen beginnt die Erkrankung mit ventrikulären Extrasystolen (VES). Während dieser okkulten Phase ist der Herzultraschall oft noch unauffällig oder nur geringgradig verändert.
Ein Teil der betroffenen Dobermänner stirbt bereits in dieser Phase am plötzlichen Herztod, meist infolge schwerer ventrikulärer Arrhythmien.
Wenn die Erkrankung fortschreitet, kommt es später zu einer Pumpschwäche des linken Herzens mit Herzvergrößerung und häufig zu Zeichen eines Linksherzversagens, insbesondere Lungenödem.
VES = ventrikuläre Extrasystolen
Synkope = Ohnmachtsanfall
LV-Dysfunktion = verminderte Pumpfunktion der linken Herzkammer
Wie häufig ist die Erkrankung?
Die Dobermann-Kardiomyopathie ist in Europa sehr häufig. In einer Studie aus unserer Abteilung lag die Prävalenz bei etwa 58,7 %. Das bedeutet, dass im Laufe des Lebens ein großer Teil der Dobermänner erkrankt.
Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko deutlich an.
| Altersgruppe | Erkrankt |
|---|---|
| 1 bis < 2 Jahre | 3,3 % |
| 2 bis < 4 Jahre | 9,9 % |
| 4 bis < 6 Jahre | 12,5 % |
| 6 bis < 8 Jahre | 43,6 % |
| ≥ 8 Jahre | 44,1 % |
Insgesamt zeigt dies, wie wichtig regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen bei dieser Rasse sind.
Wodurch wird die Krankheit verursacht?
Es handelt sich sehr wahrscheinlich um eine genetisch bedingte Herzerkrankung. Beim Dobermann spielt ein klassischer Nährstoffmangel, wie er bei anderen Formen der DCM gelegentlich eine Rolle spielen kann, in der Regel keine wesentliche ursächliche Rolle.
Die Erkrankung wird als erblich angesehen. Deshalb sind sowohl Früherkennung als auch züchterische Vorsorge wichtig.
Welche Symptome können auftreten?
Hunde in der okkulten Phase haben oft gar keine Symptome. Trotzdem können in dieser Phase bereits gefährliche Rhythmusstörungen vorliegen.
Im symptomatischen Stadium können auftreten:
- Husten
- Leistungsschwäche
- verminderte Spielfreude und Belastbarkeit
- erhöhte Atemfrequenz
- Atemnot
- Synkopen (Ohnmachtsanfälle)
- Herzrhythmusstörungen
- selten Aszites oder Rechtsherzversagen
- plötzlicher Herztod
Verursacht eine Schilddrüsenunterfunktion eine DCM?
Nach aktuellem wissenschaftlichem Stand besteht kein gesicherter ursächlicher Zusammenhang zwischen einer Hypothyreose und der klassischen Dobermann-Kardiomyopathie.
Schilddrüsenhormone sollten deshalb nur dann gegeben werden, wenn eine echte Schilddrüsenunterfunktion eindeutig diagnostiziert wurde.
Früherkennung ist entscheidend
Das wichtigste Ziel ist, betroffene Hunde zu erkennen, bevor Herzversagen oder plötzlicher Herztod eintreten.
Besonders wichtig sind dabei das Holter-EKG und der Herzultraschall. Beide Untersuchungen ergänzen sich und sollten bei Dobermännern idealerweise regelmäßig durchgeführt werden.
Vorsorgeuntersuchungen
Aufgrund des häufigen Vorkommens empfehlen wir bei klinisch gesunden Dobermännern regelmäßige kardiologische Vorsorgeuntersuchungen ab etwa 2 bis 3 Jahren, in der Regel einmal jährlich.
Je nach Befund, Alter, Familienanamnese und Zuchteinsatz können auch engere Kontrollintervalle sinnvoll sein.
Holter-EKG oder 24-Stunden-EKG
Das Holter-EKG ist beim Dobermann ein zentraler Bestandteil der Früherkennung. Es erlaubt die Erfassung von Herzrhythmusstörungen über 24 Stunden oder länger im normalen Alltag des Hundes.
Gerade in der okkulten Phase ist es der wichtigste Test, weil viele betroffene Hunde zunächst vor allem ventrikuläre Extrasystolen zeigen, obwohl noch keine deutlichen Symptome vorliegen.
Nach unseren Daten gelten beim Dobermann mehr als 50 VES in 24 Stunden als auffällig. Da einzelne Extrasystolen auch durch andere Ursachen auftreten können, wird die Diagnose in vielen Fällen durch wiederholte Kontrollen abgesichert.
Besonders verdächtig: > 100 VES/24 h, Doublets, Triplets oder ventrikuläre Tachykardien
Typisch bei erkrankten Hunden: oft mehrere hundert bis mehrere tausend VES in 24 Stunden
Kurzzeit-EKG
Ein Routine-EKG erfasst immer nur einen kurzen Zeitabschnitt und ist deshalb zur Früherkennung alleine nicht ausreichend.
Wenn jedoch im Kurzzeit-EKG oder während des Herzultraschalls bereits eine einzelne VES gesehen wird, sollte in der Regel ein Holter-EKG folgen.
Herzultraschall
Mit dem Herzultraschall beurteilen wir Herzgröße und Pumpfunktion. Mittelgradige und hochgradige Veränderungen sind meist gut erkennbar, milde Frühveränderungen sind deutlich schwieriger zu diagnostizieren.
Beim Dobermann haben wir in Studien wichtige Referenzwerte und moderne Methoden zur Früherkennung untersucht. Besonders hilfreich ist dabei die Simpson-Methode, die eine frühere Erfassung von Volumenveränderungen und Pumpschwäche ermöglichen kann als die reine M-Mode-Messung.
M-Mode Referenzwerte beim Dobermann:
Rüden: LVIDd > 48 mm, LVIDs > 36 mm
Hündinnen: LVIDd > 46 mm, LVIDs > 36 mm
Röntgen
Das Röntgen ist für die Früherkennung weniger sensitiv, kann aber sehr wichtige Informationen liefern, wenn bereits Symptome wie Husten oder Atemnot bestehen.
Es hilft insbesondere beim Nachweis von Lungenödem, vergrößertem linken Vorhof oder anderen Stauungszeichen.
Biomarker
Biomarker können ergänzend helfen, ersetzen aber weder Holter-EKG noch Echokardiographie.
Bei der Dobermann-Kardiomyopathie nutzen wir insbesondere Troponin-I und NT-proBNP.
Beide Marker können bei einigen Hunden schon erhöht sein, bevor Holter oder Herzultraschall eindeutig auffällig werden. Sie sind daher sinnvolle Zusatzuntersuchungen, aber keine alleinige Diagnosegrundlage.
Troponin-I
Kardiales Troponin-I (cTnI) wird bei einer Schädigung von Herzmuskelzellen freigesetzt. Studien aus unserer Abteilung konnten zeigen, dass cTnI beim Dobermann teilweise schon früh erhöht ist, bevor spätere Veränderungen in Holter oder Echo sichtbar werden.
NT-proBNP
NT-proBNP ist ein Marker für kardiale Belastung. Er kann bei Hunden mit Herzinsuffizienz erhöht sein und hilft außerdem bei der Unterscheidung zwischen kardialer und nicht-kardialer Atemnot.
Auch als ergänzender Screening-Test bei okkulter Dobermann-Kardiomyopathie kann NT-proBNP hilfreich sein.
Aktuelles Video zur Erkrankung
Hier finden Sie ein Video zur Dobermann-Kardiomyopathie mit ausführlichen Informationen und Interview.
Therapie der Pumpschwäche
Bei reduzierter Pumpfunktion gehört Pimobendan heute zur Standardtherapie.
Pimobendan verbessert die Pumpkraft und wirkt zusätzlich gefäßerweiternd. Es ist bei vielen Dobermännern mit reduzierter systolischer Funktion ein zentraler Bestandteil der Therapie.
Die PROTECT-Studie zeigte, dass Pimobendan bei Dobermännern bereits im okkulten Stadium mit echokardiographischen Veränderungen sinnvoll sein kann und die Zeit bis zum Herzversagen verlängert.
Therapie ventrikulärer Rhythmusstörungen
Die Behandlung von Arrhythmien ist besonders wichtig, wenn schnelle ventrikuläre Tachyarrhythmien, synkopale Episoden oder andere Zeichen einer erhöhten Rhythmusgefährdung vorliegen.
Ziele der Therapie sind unter anderem:
- Reduktion des Risikos für plötzlichen Herztod
- Verhinderung ventrikulärer Tachyarrhythmien
- deutliche Reduktion der VES
- Besserung klinischer Symptome
Häufig eingesetzte Medikamente: Sotalol, Amiodaron, Mexiletin, Flecainid; im Notfall Lidocain intravenös.
Therapie bei chronischem Herzversagen
Wenn bereits ein chronisches kongestives Herzversagen vorliegt, besteht die Therapie meist aus mehreren Bausteinen:
- Diuretika wie Furosemid oder Torasemid
- Pimobendan
- ACE-Hemmer
- bei Bedarf Digoxin, insbesondere bei Vorhofflimmern
- Kontrolle und Behandlung von Arrhythmien
- bei refraktären Fällen zusätzliche Diuretika wie Thiazide oder Spironolacton
Die Behandlung wird immer individuell an Befund, Symptome und Rhythmuslage angepasst.
Therapie bei akutem Herzversagen
Beim akuten kongestiven Herzversagen ist Furosemid das wichtigste Akutmedikament. Zusätzlich können je nach Situation weitere intensivmedizinische Maßnahmen erforderlich sein, zum Beispiel positiv inotrope Medikamente wie Pimobendan intravenös oder Dobutamin.
Prognose
Die Prognose hängt stark vom Krankheitsstadium, der Rhythmusstörung und dem Ansprechen auf die Therapie ab.
In der okkulten Phase besteht bereits ein relevantes Risiko für plötzlichen Herztod. Wenn klinische Symptome eines Herzversagens auftreten, ist die Prognose meist deutlich vorsichtiger.
Gleichzeitig gilt: Dobermänner mit gut kontrollierten Rhythmusstörungen können in manchen Fällen noch lange stabil leben. Frühzeitige Diagnose und individuell angepasste Therapie sind daher besonders wichtig.