BKH, 9 Jahre - Spätstadium HCM, wirklich hoffnungslos?

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Moderator: s.hertzsch

Sanne
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BKH, 9 Jahre - Spätstadium HCM, wirklich hoffnungslos?

Beitragvon Sanne » Do Feb 02, 2017 12:20 pm

Guten Tag,

Wir haben immer gedacht, uns irgendwann mit Krankheiten wie Krebs, Nierenproblemen usw. auseinandersetzen zu müssen, aber dass wir damit viel Zeit hätten...

Jandlchen, BKH, 9 Jahre, kommt aus einer unauffällig geschallten Linie und wurde selbst mit etwa 2,5 Jahren unauffällig geschallt. Mir war das damals wichtig, um wirklich sicher zu gehen, dass er keine ererbte HCM haben kann, auch wenn mir die Schallergebnisse seiner Vorfahren vorlagen. Die Tierkardiologin hier in Berlin war außerordentlich zufrieden und da Jandlchen in all den Jahren nie krank war, war ich beruhigt und er, seine Katzenkumpel und wir hatten ein tolles Leben.

Letzten Montag wurden wir nachts wach und ich dachte anfangs, er würde Haare hervorwürgen. Ich bin aufgestanden, um nach ihm zu sehen, da er nie Haare auskotzt, alle meine drei Katzen bekommen Malzpaste. Jandlchen lag ausgestreckt auf dem Tisch, den Kopf über die Tischplatte nach unten hängend. Es sah nicht wie würgen aus, die Geräusche waren auch anders und vor allem atmete er stark in die Flanken hinein. Da wir etwas beunruhigt waren, haben wir uns in die Nähe gesetzt und ihn beobachtet. Irgendwann hörte er auf, kam zum kuscheln, war aber sehr unruhig, stand auf, legte sich hin und das Pumpen begann wieder.
Wir haben nur 20 Minuten abgewartet, dann haben wir ihn eingepackt und in die Tierklinik der FU Berlin gebracht. Dort hat man ein Lungenödem und starke Herzgeräusche diagnostiziert. Er wurde geröngt, ein Zugang wurde gelegt. Offenbar regte er sich so auf, dass er zu hecheln begann. Über Stunden bekam er Sauerstoff, Sedierungen, weil er sich so hochspulte. Erst als er ein Herzmittel gespritzt bekam, schien er ruhiger zu werden und wurde stationär aufgenommen. Völlig geschockt sind wir nach Hause gefahren. Am nächsten Tag hatten sie das Wasser so weit zurückgedrängt, dass sie ihn schallen konnten. Alle Befunde sind noch auf dem Postweg zu uns, deshalb kann ich die Ergebnisse nicht hier liefern. Aber sie haben gesagt, es sei eine hochgradige HCM im Spätstadium, er hätte bestenfalls noch ein Jahr.
In 14 Tagen wird er wieder geschallt von einem Tierkardiologen in Berlin. Bis dahin bekommt er folgende Medikamente:
Vetmedin 1,25 mg – morgens und abends je 1x
Furotab 10 mg – morgens und abends je 0,5x
Prilactone 10 mg – morgens und abends je 0,5x
Clopidogrel 75 mg – morgens 0,25x

Gestern durften wir ihn abholen und zählen jetzt seine Ruheatemfrequenz. Die liegt immer zwischen 21 und 25, laut Tierklinik ist alles unter 25 gut.

Folgende Fragen möchte ich hier gern stellen, in der Tierklinik wollte man sie mir nicht beantworten, ich solle mich damit nicht beschäftigen:
1. Die Tierklinik sagt, er sei jetzt dann gut eingestellt. Er frisst auch, ist allerdings sehr müde, nimmt die Tabletten aber gut. Er trinkt sehr viel, aber ich las, das wäre normal wegen der Tabletten. Wenn er gut eingestellt ist, warum hat er dann nur noch wenige Wochen/Monate, max. Ein Jahr?
2. Meine größte Angst ist, dass er noch einmal so etwas durchmachen muss wie am Montag. Durch das Wasser in der Lunge säuft er doch im Zweifel innerlich ab, nicht wahr? Sollte eine ähnliche Situation auftreten, würden wir ihn erlösen, die Todesangst von ihm werde ich mein Leben nicht mehr los. Wie erkenne ich als Laie, wann es kritisch ist?
3. Ist es richtig, dass er solange er genug Entwässerung nimmt, vermutlich dann eher an Herzversagen sterben wird, was mir als ein sehr viel gnadenvollerer Tod erscheint?
4. Die Medikamente gehen ja ziemlich auf die Nieren, die Nierenwerte von Jandlchen waren jetzt NOCH gut, sollte er Nierennahrung bekommen?

Jandlchen ist gerade erst neun Jahre alt geworden. Ich dachte immer, mit den Medikamenten könne man den Verlauf aufhalten, ich verstehe nicht, wieso er dann nur noch im besten Fall ein Jahr haben sollte.
Ich weiß, Sie können hier keine medizinische Einschätzung geben. Mir geht es auch vor allem darum, zu lernen, wann ich und wie ich erkenne, dass es Zeit wird, ihn gehen zu lassen. Ganz lieben Dank für jeden Kommentar.

s.hertzsch
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Re: BKH, 9 Jahre - Spätstadium HCM, wirklich hoffnungslos?

Beitragvon s.hertzsch » Fr Feb 03, 2017 10:33 am

Guten Tag,

British Shorthair Katzen sind leider für die Hypertrophe Kardiomyopathie prädisponiert, wobei vor allem die Kater stärke betroffen sind. Ein unauffälliger Herzultraschall in jungen Jahren schließt eine mögliche spätere Entstehung der Erkrankung nicht aus. Im Gegensatz zum Hund zeigen Katzen bei einer bestehenden Herzerkrankung klinische Symptome oft erst sehr spät bzw. wenn sie sich bereits im Herzversagen befinden. Herzversagen bedeutet, dass das Herz aufgrund seiner Erkrankung nicht mehr in der Lage ist, seine Funktion wahrzunehmen. Infolgedessen kommt es bei einer Hypertrophen Kardiomyopathie zur Entstehung eines Lungenödems (Wasser auf der Lunge) oder Thoraxerguss (freie Flüssigkeit in Brustkorb). Durch eine entsprechende medikamentöse Therapie können die klinischen Symptome gemildert werden und bei guter Einstellung das Voranschreiten der Erkrankung verlangsamt, nicht aber verhindert werden. Eine Heilung ist durch die Medikamente ebenfalls nicht möglich. Im Gegensatz zum Hund ist es bei Katzen schwierig eine genaue Aussage über die zu erwartende Lebenszeit nach dem Auftreten des 1. Herzversagens zu machen. Einige Patienten sind für mehrere Monate bis Jahre stabil, während andere bereist innerhalb von wenigen Wochen wieder schlechter werden. Klinische Symptome eines erneuten Herzversagens sind neben einer angestrengten Atmung, eine erhöhte Atemfrequenz z.T. mit Maulatmung, sowie unspezifische Symptome wie Apathie, Inappetenz, Zurückgezogenheit. Wie bereits erwähnt, kann es trotz adäquater Therapie zum erneuten Herzversagen sprich einem erneuten Lungenödem bzw. Thoraxerguss kommen. In diesen Situationen muss die Therapie entsprechend angepasst werden. Zusätzlich kann es infolge der Erkrankung zu einer sogenannten Aortenthrombose kommen. Dabei handelt es sich um die Verlegung von Gefäßen im Körperkreislauf aufgrund von Blutgerinnseln, welche im linken Vorhof entstehen. Am häufigsten sind hierbei die Blutgefäße der Hintergliedmaßen betroffen. Dies ist mit starken Schmerzen verbunden, sodass bei einem vollständigen Verschluss, die Hinterbeine gelähmt erscheinen und die Patienten laut Vokalisieren. Bei einem partiellen Verschluss zeigen die Patienten z.T. nur intermittierende Lahmheiten. Durch die Gabe von Clopidogrel, einem Blutgerinnungshemmenden Medikament, wird das Risiko der Entstehung dieser Aortenthrombosen verringert. Unter der Entwässerungstherapie, welche lebenslang notwendig ist, kann es zu einem Anstieg der Nierenwerte als auch einer Verschiebung der Blutsalze kommen. Aus diesem Grund sind regelmäßige Blutwertkontrollen notwendig. Die prophylaktische Fütterung von Nierendiät hat keinen Einfluss auf die Beeinträchtigung der Nieren durch die Entwässerung. Erst bei einer nachweislichen Beeinträchtigung der Nierenfunktion kann eine Fütterung einer Nierendiät sinnvoll werden. Jedoch weisen Nierendiäten unter anderem einen reduzierten Proteingehalt auf, weshalb sie weniger schmackhaft sind und viele Katzen die Umstellung verweigern. Generell ist es wichtiger, dass die Patienten überhaupt fressen.

Ich wünsche Ihnen und Ihrem Kater alles Gute.

Mit freundlichen Grüßen

Sabine Hertzsch

Team Tierkardiologie
Medizinische Kleintierklinik
Ludwig-Maximilians-Universität München


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